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Es sprach sich schnell herum, dass in Weißig ein Steinbruch neue Arbeits-
möglichkeiten bot. Während anfangs vorwiegend Arbeiter aus Weißig und der
näheren Umgebung beschäftigt waren, strömten mehr und mehr Menschen aus
dem benachbarten Polen und der Tschechei dazu, die teilweise ihre Familie
mitbrachten.

Unterkunft für die Arbeiter

Barackenkomplex, der für die Steinbrucharbeiter
errichtet wurde

Eigens zur Unterbringung dieser vielen Menschen er-
richtete der Konzern in den Jahren 1907 bis 1910 an
der Straße nach Milstrich, gegenüber dem alten Sportplatz, einen mehrteiligen
massiven Gebäudekomplex. Dieser Bau wurde im Volksmund auch als "Baracke"
bezeichnet. Darin befanden sich Wohn- und Schlafräume sowie eine Kantine.

Natürlich war die Unterbringung nicht umsonst; ein Teil des Arbeitslohnes
musste als Miete abgeführt werden. Während des I. Weltkrieges war ein Teil
der Baracken als Kriegsgefangenenlager für Franzosen und Russen
eingerichtet, die im Steinbruch arbeiten mussten. Eine kleine Abteilung
Kriegsgefangener wurde im Fachwerkhaus neben dem Schloss, der "Villa",
einquartiert und arbeitete in der Teich- und Forstwirtschaft des Rittergutes.

Als 1930 der Steinbruch stillgelegt wurde, wurden die Arbeiter entlassen und
mussten auch die Baracken räumen. Wer nicht in Weißig eine Wohnung
erhalten konnte -- und das war nur in äußerst geringem Maße der Fall --
musste anderswo sein Glück auf Arbeit und Unterkunft versuchen. Aus der
Baracke wurde für kurze Zeit, von 1930 bis 1932, eine gern besuchte Jugend-
herberge, bis 1932 Mitglieder des "Jungstahlhelm" einzogen. Die jungen Leute wurden
militärisch gedrillt und für den Dienst in der Wehrmacht vorbereitet. Sie trugen feldgraue Uniformen und
beim Exerzieren starke eichene Stöcke.
 

Russische Kriegsgefangene, vor dem Schloss

Ihr Übungsgelände lag auf dem gegenüberliegenden Sportplatz, der in den 30er Jahren von der Weißiger
Jugend angelegt worden war. Ab 1934 übernahm der faschistische Arbeitsdienst die Baracken. Bei der
Einberufung erfolgte die Vereidigung auf Adolf Hitler. Der Alltag war nach strengen militärischen Regeln
organisiert. Die Arbeitsmänner wurden auf dem Sportplatz für die Wehrmacht gedrillt.

Als Ersatzgewehre trugen sie einen Spaten. Nach dem Exerzieren rückten sie zu Meliorationsarbeiten aus. Sie arbeiteten am
Rocknitzgraben, begradigten die "Schwarze Elster" und schufen auch den Umlaufgraben des hiesigen Großteiches. Bei den
Grabungsarbeiten stießen sie im August 1937 in der Nähe der Rocknitzgrabenbrücke auf bronzezeitliche Scherben. Der Arbeits-
dienstmann Heinz Grunewald aus Dresden war einer der Finder. Er hätte die Fundstücke gern selbst behalten. Das aber ließ das
Gesetz zum Schutze der Bodenaltertümer nicht zu. Die Fundstücke wanderten in das "Stadtgeschichtliche Museum" in Kamenz.

Von April bis Oktober 1936 diente Hermann Schindhelm aus Coburg in diesem Lager. Er besuchte seine frühere Wirkungsstätte und
den Heimatverein Weißig im Jahre 2001 und berichtete von seinen Erlebnissen. Vom oben genannten Alltag, vom strengen Dienst,
von den Arbeiten, aber auch vom Stubendienst, Kartoffelschälen und Stiefelputzen. Im Mai 1938 wurde die Arbeitsdienstabteilung
zum Bau des Westwalls von hier abberufen. Ein Restkommando zur Bewachung der Baracke verblieb noch bis 1939 vor Ort.

Offensichtlich hatte Georg von Zehmen, der Enkel von Horst von Zehmen und Erbe des Rittergutes nach dem Tod seines Großvaters,
die Baracken gekauft. Er benötigte sie nach dem Auszug des Arbeitsdienstes aber nicht mehr und bot sie wegen steuerlicher Belastung
der Gemeinde zum Kauf an. Die Gemeinde lehnte dieses Angebot ab, sie hatte dafür keine Verwendung. Im Juli 1939 sind dann
die Baracken von einer Kamenzer Firma abgebrochen worden.

Das Geld wird knapp, Dresden interessiert sich für die Otterschütz

Es ließ sich gut leben in dem neuen, 1908 erbauten Schloss. Selbst wenn Teiche und Forst, vor allem aber der Steinbruch viel Geld
abwarfen; das Darlehen samt Zinsen musste zurückgezahlt werden. So versuchte Oskar Horst die Ländereien an der sächsisch-
preußischen Grenze, also in der Otterschütz, die ursprünglich für die Braunkohleförderung ergiebig schienen, letztendlich aber
magere Flöze enthielten, zu veräußern.

Im Jahre 1913 gelingt es ihm, die Stadt Dresden für sein Vorhaben zu interessieren.
"Dresden will verschiedene Flurstücke von Zehmens von insgesamt 96,83 ha (Flurstücke No. 1051 - 1071) für 350.000,-
Reichsmark erwerben, wenn dort abbauwürdige Braunkohlen erbohrt werden. Mit den Besitzern der Rittergüter Bernsdorf, Biehla
und Brauna hat Dresden ähnliche Verträge abgeschlossen, nachdem dort ausgeführte Bohrungen auf abbauwürdige Kohlenfelder
schließen lassen, und es ist nicht unmöglich, dass im Anschluss an diesen Kauf der benachbarten Kohlen, auch die minderwertigen
Weißiger Kohlenfelder zu einem äußerst günstigen Preis nutzbar gemacht werden könnten. Ohne diesen Anschluss ist die
Ausnutzung der Weißiger Kohlen überhaupt nicht möglich."

Ein weiteres Problem plagt den Herrn von Zehmen: "Wenn in der nächsten Zeit sich die Industrie der benachbarten Kohlenfelder
bemächtigt -- und daran ist nicht mehr zu zweifeln - so werden die Verwaltungsbehörden auf den vorschriftsmäßigen Ausbau der
zahlreichen innerhalb der Flurstücke 1051 - 1075 gelegenen öffentlichen Wege dringen."

"Nach Ausweis der Revierkarten würden hiervon ca. 4400 m öffentliche Wege innerhalb des zu verkaufenden Areals liegen. Es sind
jetzt schlechte Sandwege, die zu einem vorschriftsmäßigen Ausbau einen Kostenaufwand von mindestens 15,- RM / lfd. m
beanspruchen würden, also 66.000,- RM, einen Aufwand, der dem jeweiligen Besitzer gar nicht zugemutet werden kann."

Der lukrative Vertrag mit Dresden kommt aber nicht zustande. Er scheitert am Veto der Stadtverordneten, da Probebohrungen unter
Leitung von Dr. Weber nicht den erhofften Erfolg zeitigten. "Das Kohlenflöz streicht in Weißiger Rittergutsflur aus, das Vorkommen
ist nur ein nesterweises, stark verworfenes."

Der Rittergutsbesitzer teilt am 2. Mai 1918 dem Oberlandesgericht in Dresden mit:
"Die Bohrungen der Stadt Dresden haben die Befürchtungen des Herrn Dr. Weber über die geringe Abbaufähigkeit der Kohlen auf
Weißiger Rittergutsflur bestätigt. Inzwischen sind die Kohlenfelder des in Preußen gelegenen Rittergutes Bernsdorf und der
Gemeinden Weißig und Zeißholz, in gleichem die zu den Rittergütern Biehla und Bulleritz gehörenden Flächen bereits verkauft
worden, so dass die zu Weißig gehörende Fläche bereits von drei Seiten von Braunkohlenindustrie umfasst ist."

Der Gutsherr war inzwischen aber nicht untätig und hat mit verschiedenen potentiellen Käufern verhandelt. Er teilt freudig am
20. Juni 1918 dem Oberlandesgericht Dresden mit: "Hugo Stinnes hat die Flächen gekauft und erklärt die forstwirtschaftliche
Nutzung wie bisher."
Über den Kaufpreis ist nichts zu erfahren.

Das Ende des Steinbruchbetriebes

Vorzeitig, nämlich schon 1930, wurde der Pachtvertrag gekündigt. Es ist anzunehmen, dass er einseitig von Siemens & Halske
gelöst wurde. Die Gründe können nur vermutet werden. Sicher aus wirtschaftlichen Gründen. Vielleicht lohnte eine Erneuerung
der Technik und der Technologie auf Grund geringer Ergiebigkeit nicht mehr. Aufwand und Nutzen standen in keinem Verhältnis
mehr. Auf alle Fälle war die Vertragskündigung für Georg von Zehmen, Enkel des 1926 verstorbenen Horst von Zehmen und
nunmehriger Herr von Rittergut und Schloss, ein schmerzhafter Verlust. Jetzt standen nur noch die Pachteinnahmen der
landwirtschaftlichen Flächen und die Erträge aus Forst- und Teichwirtschaft zur Verfügung. Der wirtschaftliche Abstieg begann.

Die betrieblichen Anlagen des Steinbruchs wurden nach und nach abgebaut, verkauft, verschrottet oder dem Verfall preisgegeben.
Das Verwaltungsgebäude wurde zum Wohnhaus umgebaut, die Schmiede abgerissen, und vom Pulverhaus kann man heute nur
noch Reste der Grundmauern erahnen. Einzig der Lokschuppen diente später noch Herrn Josef Beckert als Produktionsstätte für
Polstermöbel, Gummi- und Schilfwaren. Bis zu einhundert Menschen fanden dadurch nach dem II. Weltkrieg Lohn und Brot. Heute
ist es zum Wochenendhaus ausgebaut worden.

Bis 1935 dauerte der Abbau der Bahnstrecke der "Doberbergbahn". Begonnen wurde damit schon 1930, als der Güterverkehr
eingestellt wurde. Ursula Appenheimer erinnerte sich, dass die Weißiger Schulkinder noch in den Jahren 1934/35 die stillgelegten
Steinbruchanlagen besuchten. Die ehemalige Bahnstrecke nach Straßgräbchen kann man nur noch erahnen. Aber das markanteste
Bauwerk, die Verladerampe, eigentlich auf Grund seiner Konstruktion ein Technisches Denkmal, trotzt bisher Wind und Wetter.
Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis sie zusammenbricht.
 

Ehemaliger Lokschuppen - Heute Wochenendhaus

Vom Steinbruch selbst ist nicht mehr viel zu erkennen. Die Natur hat sich ihr Terrain zurückerobert. Von
der obersten Erhebung, der "Kaupe", schaut man in die von Sträuchern und Bäumen überwucherte
vernässte Abbausohle. Blanke Felswände überragen stumm die Szenerie. Ein Paradies für Wildtiere. Teile
des Steinbruchs an der Straße nach Kamenz, gegenüber dem eingeweihten Gedenkstein, dem Mahnmal
für die Befreiungskriege, waren zeitweise als Schuttgrube benutzt worden. Jetzt ist alles verfüllt und als
solche nicht mehr erkennbar.

Es gab Bestrebungen, den Steinbruch wieder zu eröffnen, denn Schotter ist bei den enormen Straßenbauten gefragter denn je. Das
"Natursteinwerk Weiland GmbH" aus Schwarzkollm stellte im April 1992 an das Sächsische Oberbergamt in Freiberg den "Antrag auf
Erteilung einer Erlaubnis zur Aufsuchung von Grauwacke im Bereich des Doberberges südöstlich der Gemeinde Weißig, Landkreis
Kamenz". Ziel war die Gewinnung, Herstellung und Vermarktung von Natursteinerzeugnissen.

Auch das "Asphaltmischwerk Nowotnik" interessierte sich für die Neuaufschließung des Steinbruchs. Beide Anträge wurden abgelehnt,
nicht zuletzt wohl durch die unmittelbare Nähe des beantragten Gebietes zum Landschaftsschutzgebiet des Weißig-Biehlaer
Teichgebietes. Später wurde das Teichgebiet zum Naturschutzgebiet deklariert und der ehemalige Steinbruch einbezogen.

Die sehr aktive Ortsgruppe Wittichenau des Naturschutzbundes (Nabu) strebt seit Januar 2011 den Kauf von 17 ha Fläche des
ehemaligen Steinbruchs Weißig an. Ein Angebot an die bundeseigene Bodenverwertungs- und -verwaltungs- GmbH als
Flächeneigentümer wurde bereits gestellt. Vor allem für Kreuzottern und andere Reptilien könnte das Areal als Nabu-Schutzgebiet
aufgewertet werden.

Manfred Prescher
Dresden, November 2012

Quellen:

Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden
Norbert Portmann, Kamenz
Martha Beckert (+), Weißig
Ursula Appenheimer (+), Weißig
Landesamt für Archäologie Dresden
Manfred Prescher, Dresden
Sächsische Zeitung vom 01.02.2011
Natursteinwerke Weiland GmbH, "Antrag auf Erteilung ...."
 



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