Vom Gesangverein zum Volkschor

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Wie es (vermutlich) dazu kam: "Wer hat dich, du schöner Wald,
aufgebaut so hoch da droben ...", "Oh Täler weit, oh Höhen...", und "Mein
Vater war ein Wandersmann..." so oder so ähnlich klangen am
Wochenende die Gesänge der Doppelkopf- oder Skat- spielenden Männer
bei einer "Fuhre" (ein Bier, ein Korn, eine Zigarre) in Schimanks großer
Gaststube oder danach, ...

Männerchor auf der Schlosstreppe etwa 1952

... beim Heimweg auf der dunklen, unbeleuchteten
Dorfstraße, bierselig schwankend. Schön klang's
nicht gerade. Aber man könnte es ja üben, so unter
Anleitung, in einer organisierten Gemeinschaft, in
einem Chor. Man könnte ja trotzdem sein Bier dabei
trinken und hätte noch einen eleganten Vorwand, um abends in die Kneipe
zu gehen. Das könnten die Gedankengänge einiger wackerer Männer im
Jahre 1916 gewesen sein. Warum eigentlich nicht?

Die Idee fand beim Gastwirt Schimank offene Ohren. Eine sangesfreudige
Gemeinschaft trifft sich oft und regelmäßig. Und Singen macht die Kehlen
durstig. Ein Proberaum, das "Vereinszimmer" neben der Gaststube, stand
schon mal kostenlos zur Verfügung. Fehlte nur noch eine geeignete Person,
die Notenlesen, auf dem Klavier spielen und etwas dirigieren konnte.
Vielleicht kannte jemand einen, der wieder einen mit diesen Fähigkeiten
wusste. Verbürgt ist es nicht, aber wahrscheinlich war es Anton Emil Mager,
derzeit Lehrer in Weißig, der für diese Aufgabe begeistert werden konnte
und die Sache in die Hand nahm. Vielleicht war es aber auch Max Huhle,
der auf seiner Trompete so manches flotte Lied spielen konnte, und das
nach Noten.

Die ersten Schritte

So kam es 1917 zur Gründung des Weißiger Gesangvereins, zunächst als lose Gemeinschaft sangesfreudiger Männer,
später organisiert. Zwar gab es in Weißig schon einen Feuerwehrverein, einen Radfahrverein und schon seit 1857 ab und
zu ein "Prämien- Scheibenschießen" mit anschließendem Tanz beim damaligen Gastwirt Zinke, später auch an der
Gaststätte eine Kegelbahn, aber kulturell war in dem kleinen Ort wenig los.

So war es höchst lobenswert, dass sich diese Sangesbrüder die Pflege des deutschen Liedgutes auf die Fahne
geschrieben hatten. Zu den Gründungsmitgliedern zählten die Brüder Max und Reinhold Kirstan. So jedenfalls
berichteten beide anlässlich einer Tonbandaufzeichnung aus dem Jahre 1956. Zu dieser Zeit sangen beide noch im 1.
Tenor mit.

Auch die Herren Alfred Babel, Walter Petschel, Karl Waurentschk, Karl Jursch, Erich, Willi und Fritz Schimank, Wilhelm
Heyne, Johann Nickel, Paul Hörenz, Max Scholze, Hermann Schulze, Karl Petrasch, Richard Schneider, Richard Vogel,
Paul Hauffe, Wilhelm Hermann, Fritz Balbig, Max Huhle, Max Jurk, Karl Storch und Max Freund gehörten zu den ersten
Sängern.

Notenblätter und Liederbücher wurden angeschafft, manchmal von Haase in Kamenz nur geborgt. Auch ein Stempel und
Vereinsabzeichen, das jeder stolz am Rockaufschlag trug, gehörten dazu. Und natürlich ein Taktstock für den Dirigenten.
Wozu eine Tischglocke zum Vereinsbestand gehörte, kann nur vermutet werden. Vielleicht mussten die Sänger nach der
schöpferischen Pause damit wieder zur Ordnung und vom Bier an die Notenblätter gerufen werden.

Die Chorleiter bzw. Dirigenten gaben sich die größte Mühe, mit den tagsüber hart arbeitenden Laiensängern einen
anspruchsvollen Chor zu formen. Vorwiegend wurden Volks-, Wander – und Stimmungslieder einstudiert. Das Ergebnis
konnte sich im Laufe der Zeit sehen lassen. Fritz Balbig war von 1930 bis 1933 für die Stimmbildung und das
Einstudieren der Lieder verantwortlich, bis Lehrer Göhler bis zu seiner Einberufung zur Wehrmacht 1939 die Leitung
übernahm. Danach übernahm Lehrer Gnauck die Stimmführung und den Taktstock. Unterstützt, besonders in
Organisationsangelegenheiten, wurden sie durch einen Vereinsvorsitzenden (Alfred Pabel bis Mai 1932, danach Paul
Freund) bzw. ab 1933 einen Vereinsführer (zunächst Max Heyne und ab 1936 bis zur Einberufung zur Wehrmacht 1939
Walter Petschel).

Der Fahnennagel

Die wenigen Besitztümer des Vereins brauchten natürlich ein geeignetes, verschließbares Behältnis zur Unterbringung,
zumal das Vereinszimmer dem Chor nicht allein zur Verfügung stand, sondern zeitweise auch als Kindergarten benutzt
wurde. Paul Freund baute dazu einen „Vereinsschrank“, für 24,- Mark, der übrigens heute noch existiert.

Gemäß den Traditionen in Deutschland muss es auch eine eigene Vereinsfahne gegeben haben, denn am 18. Juli 1933
erwarb man bei Redl in Kamenz einen "Fahnennagel", der zur Weihe einer Fahne Voraussetzung war. Einen Fahnennagel
kann man sich ähnlich einem Stocknagel für Wanderstöcke vorstellen, nur eben für den Fahnenschaft und mit
geeignetem, geprägtem Wappen darauf. Ein solcher wurde auch in herzlicher Verbundenheit vom Weißiger an den
Straßgräbchener Gesangverein übergeben.

Es ist aber auch eine andere Interpretattion dazu möglich, die vorwiegend bei ständig klammen Vereinen praktiziert
wurde. Und das ging so: Auf einer großen Holztafel waren mehrfarbig Fahne und Losung des Vereins aufgemalt. Es
wurden nun Nägel mit den entsprechenden farbigen Köpfen verkauft, die dicht nebeneinander auf der vorgezeichneten
Fahne eingeschlagen werden mussten. Leider gibt es keinen weiteren Nachweis zur Existenz so einer Fahne, ebenso wie
kein Vereinszeichen mehr auffindbar ist.

Geringe Mitgliedsbeiträge, umfangreiches Repertoire

Die Finanzierung des Vereins erfolgte durch geringe Mitgliedsbeiträge zwischen 15 und 30 Pfennig pro Monat,
ausgenommen die Erwerbslosen, von denen es 1930 schon 14 von 25 Sangesbrüdern gab. Die größten Einnahmen
flossen aber aus Konzertveranstaltungen und Tanzabenden, obwohl der Eintrittspreis dafür nur bei 70 Pfennigen lag.
Aber immerhin erfreuten sich diese Veranstaltungen großen Zuspruchs. 150 bis 250 Karten wurden regelmäßig verkauft,
der Saal in der Gaststätte Weißig muss brechend voll gewesen sein. Trotzdem verzeichnet der Kassenbericht des Jahres
1933 einen mageren Bestand von nur 48,15 RM. Aber nicht nur Chorkonzerte, die im Allgemeinen durch die Stadtkapelle
Kamenz ergänzt wurden, standen als Höhepunkte der Proben auf dem Programm.

Der Gesangverein wagte sich auch an Theateraufführungen. Von Textbüchern für das Singspiel "Das verregnete
Picknick", die Theaterstücke "Susi", "Gevatter Tod" und "Eine Spitzbubenkomödie" ist die Rede. Für die Aufführungen
galt es, die Bühne entsprechend zu dekorieren. Das erledigten die Chormitglieder ebenfalls in ihrer Freizeit. Das Material
dazu, wie Dekostoff, Farbe und Bindfaden, lieferte die "Kolonialwarenhandlung" von Alwin Petschel. Es wurde fleißig
geprobt, und einmal oder mehrmals im Jahr präsentierte man sich dem hochverehrten und dankbaren Publikum, und mit
einem Ball beschloss man den Tag. Insgesamt erarbeitete sich der Verein ein anspruchsvolles Repertoire, 1930 etwa 20
Einzelchöre, mehrere Sololieder und Couplets, und brachte es zur eigenen und zur Freude und Abwechslung der
Einwohner zur Aufführung.

Konzerte auch außerhalb

Der gute Ruf ging bald über die Ortsgrenzen hinaus bis in die Kreisstadt. Der Gesangverein wurde im Mai 1934 zum
Sängerfest nach Kamenz eingeladen. Natürlich mussten dazu die Stimmen geölt und an diesem heißen Tag gekühlt
werden. Die Vereinskasse wurde um 3 RM für "1 Runde Bier für die Beteiligten zum Sängerfest in Kamenz" erleichtert.
Den gleichen Betrag zahlte man noch als "Startgeld" für die Teilnahme an diesem Treffen.

Eigens zu Konzerten wurden "Wybert- Tabletten", eine Art Doping für die Stimme, angeschafft. Slogan: "Ob´s windet
oder schneit, Wybert schützt vor Heiserkeit". In den späteren Jahren haben es einige, wie Heinz Krzyzaniak und Manfred
Prescher, vor Konzerten mit dem Austrinken von rohen Eiern versucht. Die Wirkung ist nicht nachweisbar, man muss
oder kann aber daran glauben. Eine rege und freundschaftliche Verbundenheit lässt sich mit Gesangvereinen aus
Straßgräbchen, Skaska und Milstrich nachweisen. Zum Heimatabend in Oßling 1936 ließ der Weißiger Gesangverein
seine Lieder erschallen.

Fröhliches Vereinsleben

Die Sänger trafen sich nicht nur zur Chorprobe oder zu Konzerten, sondern auch zu geselligen Veranstaltungen mit ihren
Angehörigen. Oder zum Vereinskegeln und zum Himmelfahrtsausflug. Zum geschlossenen Vereinsvergnügen kamen
Bier, Schnaps und Wurst von Melka, Kuchen und Pfannkuchen von Petschel und größere Mengen Kartoffelsalat von
Hauffe. Die Kosten trugen alle Sangesfreunde. Ebenso wie die Ausflüge 1935 nach Oybin und 1938 zum Fichtelberg. Zur
Hauptversammlung gab es Freibier, im August 1933 17 Glas Bier für 2,55 RM und 1 Liter Kornbranntwein für 3,40 RM aus
der Gaststätte.

Zu runden Geburtstagen oder Hochzeiten von Sangesbrüdern stellte sich der Gesangverein natürlich zum Ständchen ein,
brachte ein kleines Geschenk mit und konnte dabei nicht nur auf einen Umtrunk, sondern auch auf eine kleine Spende
für die Vereinskasse hoffen. Aus den spärlichen Aufzeichnungen geht hervor, dass der Verein bereits 1930 als Verein mit
eigener Satzung angemeldet war und Steuern abführen musste. Die Ausgaben erhöhten sich kräftig ab 1934 durch die
Mitgliedschaft im "Sächsischen Sängerbund" und den Bezug der zugehörenden Monatszeitschrift.

Kriegsjahre

Die wohl schwerste Zeit, und nicht nur für den Gesangverein, brach mit dem Kriegsbeginn 1939 an. Hatte der Verein
bisher jährlich der Opfer des I. Weltkrieges gedacht und einen Kranz am Kriegerdenkmal abgelegt, mussten schon bald
neue Kriegsopfer aus den eigenen Reihen beklagt werden. Da bekamen die vereinseigene Hitlerbüste im Vereinszimmer
und das Hitlerbild in der Gaststube schon bald eine ganz andere Bedeutung. Zuletzt hatte Lehrer Göhler noch "völkische
Lieder" einstudieren lassen.

Die Reihen lichteten sich. Richard Schneider, Paul Ritscher und Walter Petschel wurden 1939 zur Wehrmacht eingezogen.
Karl Waurentschk, Karl Jursch, Fritz Storch und Ernst Freund folgten im Jahr 1940. Die „Sangesbrüder im Felde“
bekamen einen kleinen Gruß aus der Heimat, ein Weihnachtspaket. Paul Hauffe war für das Packen und Absenden
zuständig. Im Dezember 1941 waren es schon 16 Pakete, die an „Mitglieder im Felde“ an die Front geschickt wurden. Zu
den Empfängern gehörten auch Alfred Schimank, Erich Schimank, Georg Neschke, Kurt Jungrichter, Karl Hetmank, Max
Kieschnick, Herbert Noack, Wilhelm Heyne und Richard Heyne.

Dann kamen die ersten Todesnachrichten: Richard Heyne „starb den Heldentod für Groß–Deutschland im Osten am 4.
Sept. 1942“. So steht es im Vereinsbuch. Diese Eintragungen häuften sich. Weitere Opfer waren zu beklagen.
Gedächtnisfeiern für Karl Waurentschk, Vereinsführer Walter Petschel und Ernst Freund wurden abgehalten. Und jeder
hoffte, nicht als nächster in den Krieg ziehen zu müssen und die Heimat nie wieder zu sehen. Insgesamt waren am
Jahresende 1943 von 26 aktiven Sängern nur noch 6 übriggeblieben. Der Männergesangverein Weißig war nicht mehr
lebensfähig und hörte am 30. Dezember 1943 auf zu existieren. Die letzten Groschen aus der Vereinskasse wurden für
die "Straße im Felde" eingezahlt.

Neubeginn als Volkschor Weißig

Nachdem die tiefen Kriegswunden ein wenig überwunden waren, regte sich auch auf kulturellem Gebiet ein Neubeginn.
Es ist wohl der Initiative von Herbert Noack, bereits seit 1938 bis zu seiner Einberufung zur Wehrmacht 1941 Mitglied im
Gesangverein, zu verdanken, dass sich Sangeswillige und Sangesfreudige zusammenfanden. Notenblätter,
Gesangbücher und Partituren waren noch vorhanden. Auch das Vereinszimmer in der Gaststätte stand noch zur
Verfügung. Der Anfang war aber trotzdem sehr schwer. Herbert Noack setzte sich an die Spitze des neugegründeten
Volkschores als 1. Vorsitzender und übernahm die gesamte Organisation.

Der Religions- und Musiklehrer Martin Mauermann konnte als Dirigent gewonnen werden. Aber das gaststätteneigene
Klavier war dermaßen verstimmt, dass die Hofhunde zu jaulen begannen, wenn darauf geklimpert wurde. Dank Erhard
Nicolaus, der sich autodidaktisch der schweren Aufgabe stellte, das Klavier zu stimmen, konnten ihm bald wieder
wohltemperierte Töne entlockt werden. Schon im Mai 1947 übten 25 Sangesbrüder fleißig deutsche Volkslieder ein.

Außer den geringen Mitgliedsbeiträgen von 50 Pfennig pro Monat konnte der Verein auch schon im ersten Jahr des
Bestehens durch Geburtstagständchen bei Alwin Petschel und Wilhelm Heyne Zuwächse von je 20,- Mark für die
Vereinskasse verbuchen. In der Mitgliederliste sind wiederum die ehemaligen Gründer des Männergesangvereins von
1917, Wilhelm Heyne, Reinhold und Max Kirstan, zu finden. Für die im Krieg Gefallenen wurden neue Mitglieder
gewonnen. Der jüngste Sänger, Harry Scholz, zählte gerade mal 16 Lenze. Ende 1947 waren es schon 30 Mitglieder, die
am 7. Dezember 1947 ein erstes Konzert, verbunden mit einer Tanzveranstaltung, in der Weißiger Gaststätte auf die
Bühne brachten. Mit großem Erfolg. Zum Tanz spielte die Kapelle Jenkel aus Bernsdorf.

Es begann eigentlich sehr gut, das Jahr 1948. Es war Geld für Beiträge zum Kulturbund, für Steuern und Saalmiete, und
sogar für Noten aus Altenhain im Westen Deutschlands vorhanden. Auch an Theaterspielen war wieder gedacht. Dazu
wurden von Lanner Berlin Theaterstücke angefordert. Dann kam im Herbst 1948 die erste Geldumbewertung, der erste
Geldumtausch nach dem II. Weltkrieg. Aus dem Kassenbestand von 112,94 Mark war nur noch ein Rest von 11,30 Mark
übrig geblieben.

Aber der Chor ließ sich nicht entmutigen. Allen voran Herbert Noack, er versuchte immer wieder, Noten neuer Lieder zu
beschaffen und neue Mitglieder zu werben und für das Singen zu begeistern. Es war auch immer wieder schwierig, bei
Weggang die Neuen „einzusingen“, Text zu lernen und sie in die Chorgemeinschaft einzufügen. Im Herbst 1951 stand der
Chor vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Lehrer Mauermann legte seine Funktion als Dirigent nieder. In den eigenen
Reihen war kein Ersatz zu finden. Die Sangesgemeinschaft schien zu zerbrechen.

In Bernsdorf gab es einen fähigen Mann. Bernhard Ruhig, hauptamtlich im Bernsdorfer Eisenwerk als TAN –
Sachbearbeiter (Technische Arbeitsnormung) tätig, war ein vielbeschäftigter Mann. Bis wochentäglich 17.00 Uhr
beschäftigt, leitete er montags Abend ein Doppelquartett in Bernsdorf, mittwochs den Gemischten Chor in Bernsdorf,
donnerstags den Männerchor in Bernsdorf und freitags den Betriebschor des VEB Eisenwerk Bernsdorf. Nach
eingehender Diskussion und Überzeugungsarbeit, vielleicht auch Überredung, erklärte er sich bereit, den Weißiger
Volkschor noch zu übernehmen. Blieb für Proben aber dazu nur der Dienstagabend.

Das Problem bestand nur darin, wie er zur Probe nach Weißig und anschließend wieder zurück nach Bernsdorf kommen
sollte. Es gab derzeit wenige fahrbare Untersätze im Ort, es fand sich anfangs aber immer jemand, der den Transport
übernahm. Aber Benzin war teuer, und nur gegen Benzinmarken billiger. Benzinmarken gab es aber nur begrenzt für
dringenden volkswirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Bedarf.

Herbert Noack beantragte bei der Deutschen Volksbühne in Kamenz, die selbst nur über ein Kontingent von 30 Litern
verfügte, Benzinmarken für monatlich 5 Liter. Nur für den Monat Oktober 1951 wurde es bewilligt. Weitere Anträge an die
Landesleitung der Volksbühne in Dresden erfolgten, da „der Chor augenblicklich vor einem Sängerwettstreit innerhalb
von 3 Chören steht... und wir außerdem Massenchöre mit diesen 3 Chören einüben“. Dieser Wettstreit war mit dem
Betriebschor Zeißholz und dem Volkschor Skaska für den 1.Dezember 1951 geplant. Wieder wurden 5 Liter, aber nur
einmalig, bereitgestellt.

Selbst an den damaligen Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, wurde vom Volkschor die Bitte um monatlich 5 Liter
Benzin gerichtet. Die Antwort vom zuständigen Ministerium für Wirtschaft und Arbeit des Landes Sachsen fiel so aus:
"...Es gilt also, auch in Ihrem Fall die inneren Reserven auszuschöpfen, indem vielleicht für diese Entfernung auf ein
Fahrrad zurückgegriffen werden kann. Wir haben die Deutsche Volksbühne, Landesverband Sachsen, gebeten, für Sie
die Zuweisung eines Fahrrades zu erwirken und zu prüfen, ob von Fall zu Fall eine Zuteilung von 5 Ltr. möglich ist."

Aber eine "Radtour" zwischen Bernsdorf und Weißig, bei Wind und Wetter, bei Schnee und Glatteis, konnte man dem
Dirigenten bei so hohem künstlerischem Anspruch wahrlich nicht zumuten. Wie die ganze Sache mit den Benzinmarken
ausgegangen ist, lässt sich nicht mehr lückenlos nachweisen. Irgendjemand fuhr immer den Dirigenten, auch auf eigene
Kosten, damit die Proben und Konzerte weitergehen konnten. Zeitweise fuhr Herr Heeren aus Oßling auf Kosten des Vereins.

Vom Eisenwerk Bernsdorf konnte freundlicherweise ein "Auto", ein altes Dreirad, für diesen Zweck bereitgestellt werden;
so war man wenigstens etwas gegen die Wetterunbilden geschützt. Der Treibstoff war nur eines der zu lösenden
Probleme. Das „Auto“ ächzte und krächzte wie eine alte Dampflok, und stand mehr in der Werkstatt von Manfred Kuhn,
als es fuhr. Einer der Schwachpunkte war dabei der Antrieb; eine Kette musste immer wieder geflickt werden und konnte
nur nach Monaten auf Grund einer Dringlichkeitsbescheinigung vom Rat des Kreises Kamenz ersetzt werden. Es waren
eben derzeit materiell äußerst kritische Zeiten. Umso bemerkenswerter ist, dass es Bernhard Ruhig trotz der widrigen
Umstände in kurzer Zeit gelang, den Chor auf ein hohes Niveau zu bringen. Er verlangte natürlich auch eine straffe
Disziplin, übte nicht nur Gesang, sondern auch Sprach- und Stimmbildung und Klangreinhaltung. Er stellte hohe
Ansprüche. Dazu kam seine ungewöhnliche musikalische Begabung, die er an die Sänger in ernster und erfolgreicher
Probenarbeit weitergab. Und diese Qualität zahlte sich natürlich bei Chorkonzerten aus. 

Sängertreffen in Kamenz

Gründung des Frauenchores

1952 sprach er die Idee aus, zusätzlich zum Männerchor einen Frauenchor zu gründen und beide
gemeinsam zum Gemischten Chor zu vereinen. Relativ schnell fanden sich die ersten Frauen zur
Probe. Anfang 1953 zählte der Frauenchor schon 30 Sängerinnen. Zunächst probten die Frauen allein
eigene Lieder, bald mit den Männern gemeinsam. Waren die Männer zunächst skeptisch, immerhin
waren sie bisher unter sich und konnten sich wie Männer benehmen, merkten sie bald, welche Bereicherung ein Gemischter Chor
für das Liedgut, für die Klangfülle darstellt. Bernhard Ruhig wusste schon, warum er diesen Schritt ging, leitete er doch schon seit
Jahren einen Gemischten Chor in Bernsdorf.

Bisher hatte Herbert Noack bei Konzerten die Zuhörer begrüßt und die Liederfolge angesagt. Aber jetzt hatte der Chor
auch eine Moderatorin, damals Ansagerin genannt, die die Gesangsstücke und deren Komponisten dem geneigten
Publikum ansagte. Waren es zunächst Rosel Ritscher und Friedel Schmeißer, die diese Aufgabe meisterten, übernahm ab
1954 Elfriede Pollack mit ihrer hellen Stimme das Amt. Der erste „öffentliche“ Auftritt des Gemischten Chores war in
Jesau, im Dezember 1952, zur Hochzeit von Sangesbruder Siegfried Boden.

Neue Noten sind erforderlich

Nun kam es auch darauf an, das Repertoire neu zu gestalten. Aber dazu fehlten entsprechende Lieder und die Noten. Es
wurden alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Erklang im Rundfunk ein bisher unbekanntes, aber gefälliges Lied,
beispielsweise von einer Volkskunstgruppe, schrieb Herbert Noack an den Rundfunk oder an die Singegruppe und
versuchte, den Texter und Komponisten zu ermitteln und die Noten, wenn auch nur in einer Stimme, zu beschaffen. Die
Noten wurden dann von Hand kopiert, die Partitur kam vom Dirigenten Bernhard Ruhig. Selbst exklusive
Aufführungsrechte, wie beispielsweise für das Lied "Waldberge meine Heimat" von Ernst Wöller aus Jößnitz bei Plauen,
wurden dem Chor auf Bitte erteilt.

Es gab nicht viele Musikverlage in der jungen DDR, so dass jede Verbindung nach dem Westen Deutschlands ausgenutzt
wurde, um an Noten von Neuerscheinungen heranzukommen. Ehemalige Sängerinnen und Sänger, wie Waltraud Paul
und Erich Schimank, besorgten und schickten Notenmaterial. Außer deutschen Volksliedern, klassischen Gesangsstücken
und Operettenmelodien wurden auch russische Volkslieder ins Repertoire aufgenommen. Den Frauen gelang mit den
Liedern "Suliko" und "Das Glöckchen" ein besonderer Erfolg.

Selbst sorbische Lieder wurden einstudiert und anlässlich eines Sorbischen Volksfestes 1956 auf der Müllerwiese in
Bautzen im Gemeinschaftschor von 2000 Sängern zu Gehör gebracht. Der anwesende Präsident der DDR, Wilhelm
Pieck, sparte nicht mit Lobesworten für diese gelungene Volkskunstarbeit. Einige Sänger beherrschen heute noch Text
und Melodie dieser dargebotenen sorbischen und deutschen Lieder. 

Gemischter Chor vor dem Schloss

Weihnachtslieder im Kurheim

Zu den erfolgreichsten und emotionalsten Auftritten gehörten die Chorkonzerte zur Weihnachtszeit im
Kurheim Elstra und der Heilstätte Schmeckwitz.

Schon seit 1953 bestand auf Anregung von Eva Büttner, derzeit Kulturverantwortliche im Kreis Kamenz,
eine stabile Verbindung zu beiden Einrichtungen. Ziel war es, mit Volks- und Weihnachtsliedern den kranken
Menschen einige Stunden der Freude und Erbauung zur Weihnachtszeit zu schenken. Der Volkschor tat es sehr gern, vor
allem unentgeltlich, und schon im Vorfeld freuten sich alle auf das freudig und erregt lauschende, dankbare Publikum.
Tage vorher hing im Heim die Programmfolge aus, so dass jeder Patient sich schon im Geiste auf das Kommende
einstimmen konnte. Ergänzt wurde das Chorkonzert durch ein Streichquartett vom Gemeinschaftsorchester Kamenz.

Die Probleme begannen aber schon vor dem ersten Konzert mit einem damals üblichen materiellen und bürokratischen
Hindernis, das an die Erlebnisse des Schusters Vogt aus dem "Hauptmann von Köpenick" im wilhelminischen Deutschland
erinnerte.

Für den Transport der 50 Sängerinnen und Sänger zu den Veranstaltungsorten waren zwei Fahrzeuge nötig. Diese
standen im Kreis Kamenz nicht zur Verfügung, wohl aber in Bernsdorf, im Kreis Hoyerswerda. Für Fahrzeuge aus dem
Kreis Hoyerswerda durfte nach den damaligen Verordnungen kein Dieselkraftstoff zu Fahrten in einen anderen Kreis
eingesetzt werden. Die Einsatzorte für das Chorkonzert lagen aber nun mal im Kamenzer Kreise. Endlose Telefonate und
eine öffentliche Kritik in der "Sächsischen Zeitung" zu dieser Posse führten letztendlich zu einer Lösung, und das Konzert
konnte noch rechtzeitig starten.

Aber das Transportproblem hat den Chor noch viele Jahre beschäftigt. So beispielsweise im Dezember 1955, als die MTS
Kamenz (Maschinen- Traktoren- Station) als Patenbetrieb der Gemeinde Weißig entgegen der vorherigen Absprachen
Transportkosten zum Chorkonzert in Rechnung stellte. Die jährlichen kostenlosen Chorkonzerte zur Weinachtszeit in den
beiden Heimen Elstra und Schmeckwitz waren durch einen Freundschaftsvertrag besiegelt worden und fanden bis zur
Auflösung des Chores statt. Zeitweise wurde auch im Kurheim Königsbrück gesungen.

Gemeinsam singen - gemeinsam feiern

Nach jedem weihnachtlichen Konzert fand sich der Chor in der Gaststätte „Bücke dich“ in Schmeckwitz ein. Bei
fröhlichem Beisammensein klang nicht nur das eben beendete Konzert aus, sondern war auch Höhepunkt des
Sängerjahres und Einstimmung auf die bevorstehende Weinachtszeit. Es ist sicherlich folgerichtig, dass sich Sängerinnen
und Sänger nicht nur zu den Proben und Konzerten zusammenfanden. Es bildete sich eine Gemeinschaft, die auch einen
Teil der knappen Freizeit miteinander verbrachte.

Aus den Kassenbüchern ist ersichtlich, dass bereits 1950 gemeinsam gefeiert wurde. Und die Vorbereitungen dazu
wurden auch gemeinsam vollzogen. Fein säuberlich sind die Zutaten, wie Mehl, Zucker, Butter und Eier für einen oder
mehrere Kuchen als Ausgabe aufgelistet. Die gute Tradition, die schon im Männergesangverein ihren Anfang nahm,
wurde wiederbelebt. Gemeinsame Ausflüge mit gemütlichem Beisammensein, wie beispielsweise am 10. Juli 1960 in der
Gaststätte Müller Thonberg, waren genauso beliebt wie die Sängertreffen mit geselligem Charakter gemeinsam mit den
Chören aus Cunnersdorf, Schwepnitz und Steina 1961 und 1962.

Es gab eine Menge gemeinsamer Konzerte mit anderen Chören, wie beispielsweise des Öfteren mit dem Volkschor aus
Straßgräbchen. Nicht zu vergessen die Auftritte in Biehla, Hausdorf und Lieske, also in allen Orten ringsum. Oder im
April 1964 eine Tanzveranstaltung im Gasthof Weißig, deren Reingewinn dem NAW (Nationales Aufbauwerk), und damit
dem Bau des Weißiger Kindergartens zur Verfügung gestellt wurde. Ähnliches hatte der Chor schon im November 1958
geleistet; er umrahmte eine Kulturveranstaltung in Oßling zugunsten des dortigen Kindergartens.

Leider wurde im November 1959 die Weißiger Gaststätte geschlossen. Das Vereinszimmer stand noch für Proben zur
Verfügung, aber der Saal für Veranstaltungen nicht mehr, nur noch mit Sondergenehmigung der Hygiene-Inspektion vom
Rat des Kreises. Die „allerletzte Sonderregelung“ für eine Veranstaltung des Volkschores und der LPG Weißig
(Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) wurde für den 23. März 1963 erteilt.

Sonderveranstaltungen

Es gab oft für Sonderauftritte Anlass. Die Schulentlassungen in Oßling, deren Schule die Weißiger Kinder ab 1952
besuchten, wurden musikalisch umrahmt. Alle runden Geburtstage von Vereinsmitgliedern wurden mit einem kleinen
Auftritt gewürdigt. Oskar Beyer ließ es sich nicht nehmen, ein Sonderständchen auf seiner Klarinette zu intonieren,
während sein Spitz, der sonst immer auf dem Gepäckträger saß, ehrfürchtig vor der Haustür wartete. Auch
Hochzeitsfeiern wurden mit einem Ständchen bedacht, und anfangs bekamen die jungen Brautleute als
Hochzeitsgeschenk ein kleines Gemälde von der Ortsansicht. Später kam der Maler nicht mehr zum Zuge, so viel
Anlässe gab es.

Einer der Höhepunkte war die Einweihung des Weißiger Kindergartens im August 1962. In festlicher Kleidung, schwarzer
Rock bzw. schwarze Hose, weiße Bluse oder weißes Hemd, stand der Chor vor dem neuen Gebäude. Jahrelang hatten
die meisten Vereinsmitglieder am Bau mitgewirkt. Es gab wohl fast keinen Einwohner, der nicht in irgendeiner Form
daran beteiligt war. Zur feierlichen Eröffnung sang der Gemischte Chor, Reden wurden gehalten und der
Volkskammerabgeordnete Otto Schön zeichnete die aktivsten Helfer aus.

Fazit

Männergesangverein und Volkschor waren eine wesentliche Bereicherung des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens
des Ortes. Weißig, so schrieb die "Sächsische Zeitung", hat eine treffliche Chorkultur aufzuweisen. Besonders
hervorzuheben ist dabei die Pflege des deutschen und teilweise internationalen Liedgutes. Das gemeinsame Singen hat
die Menschen auch einander näher gebracht.

Ein großer Teil der Einwohner hat über längere oder kürzere Zeit im Chor mitgewirkt. Viele Menschen, die nur zeitweise
in Weißig lebten, ob als Umsiedler nach dem Krieg oder als Erzieherinnen und Lehrer, wurden dadurch schneller in die
Dorfgemeinschaft aufgenommen. Leider sank die Mitgliederzahl Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre aus den
verschiedensten Gründen immer mehr.

Dirigent Bernhard Ruhig erklärt in einem Schreiben vom 11.April1963, dass der Chor zahlenmäßig die Mindestgrenze
erreicht hat und er sich schweren Herzens entschlossen hat, seine 12- jährige Chorleitertätigkeit in Weißig aufzugeben.
Am 19. Mai 1963 fand sich der Rest des Chores letztmalig zusammen, zu einer Ausfahrt und Abschlussveranstaltung
nach Schmeckwitz.

Anlässlich eines Schloss- und Heimatfestes im September 1996, so war es in der „Sächsischen Zeitung“ zu lesen, „hatte
es sich Elfriede Pollack nicht nehmen lassen, die ehemaligen Chormitglieder einzuladen. Über vierzig Sänger hatten ihr
Kommen zugesichert, darunter der einstige Chorleiter Bernhard Ruhig, mittlerweile stolze 87 Jahre alt“.

Der Nachlass des Volkschores

Glücklicherweise wurde etwa im Jahre 1955 ein Teil des Repertoires des Gemischten Chores im Saal der Weißiger
Gaststätte auf Tonband aufgezeichnet. Die Qualität der Aufnahme entspricht den damaligen technischen Verhältnissen,
die Qualität des Gesangs aber ist lobenswert. Das Original der Aufnahme ist leider nicht mehr vorhanden; es ging mit
dem Tod von Bernhard Ruhig verloren.

Es ist der Initiative vom Sangesbruder Siegfried Boden zu verdanken, dass Kopien davon angefertigt wurden, wovon er
eine besitzt. Weitere Kopien befinden sich beim Heimatverein und in den Händen von Elfriede Pollack, Heinz Krzyzaniak
und Manfred Prescher. Die Kopien lassen auch Lieder vom Bernsdorfer Volkschor, dessen Dirigent auch Bernhard Ruhig
war, erklingen.

Ebenso sind die Stimmen von Bernhard Ruhig und den beiden Gründern des Männergesangvereins und derzeit noch
Sänger im Volkschor, Max und Reinhold Kirstan, zu hören. Es schließt sich ein Interview mit dem damaligen
Bürgermeister Max Pötschke an, der die geringe materielle Unterstützung des Volkschores durch den Rat des Kreises
Kamenz kritisiert.

Wie schon erwähnt, existiert der choreigene Schrank noch, im ehemaligen Kindergarten, dem jetzigen Vereinshaus. In
ihm sind noch ein Großteil der Gesangbücher, Noten und Partituren zu finden. Welch umfangreiches Repertoire der Chor
aufzuweisen hatte, wird daran deutlich.

Manfred Prescher Dresden, Juli 2011

Quellen:
Aufzeichnungen von Elfriede Pollack
Aufzeichnungen von Manfred Prescher
Nachlass von Bernhard Ruhig
Kassenbuch des Männergesangvereins Weißig
Kassenbuch des Volkschores Weißig 



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